Am 29.10.1923 wurde in Berlin erstmals auf der Welle 400 eine Rundfunksendung übertragen. Hierzu war in den Dachräumen des Vox-Hauses in Berlin W 9, Potsdamer Str. 4, ein kleiner Sender aufgestellt. Einem 1924 am Magdeburger Platz errichteten Sender mit gleichfalls nur geringer Sendeleistung folgte 1925 der Sender Witzleben (Funkturm) mit einer Telefonieleistung von 1,5 Kilowatt. Berliner Rundfunkteilnehmer hatten damit einen ausreichenden Empfang, der Sender allerdings nur eine begrenzte Reichweite. Wohl weniger bekannt ist, dass es neben dem Funkturm noch einen zweiten (Hilfs-) Sender in der Boxhagener Straße gab.

Größere Sender waren vom Stand der Technik her noch nicht möglich. Ab 1930 begann dann in Europa der Bau von Großsendern. Auch in Deutschland wurde nun ein Plan für ein Rundfunksendernetz erstellt, dessen Verwirklichung drei Jahre dauern sollte. In Berlin war ein Großsender mit eine Telefonie-Trägerwellenleistung von 100 Kilowatt vorgesehen.
Als Standort des Senders wurde eine Randfläche des Tegeler Schießplatzes festgelegt.
„Hier Großsender Tegel auf Welle… – Der Sender wird auf dem westlichen Teil des Tegeler Schießplatzes errichtet – Verhandlungen mit der Reichswehr als Gelände-Eigentümer hatten gute Resultate“. So titelte dann die Nord-Berliner Tagespost in ihrer Ausgabe v. 1.10.1931 und berichtete ausführlich über den Umfang eines neuen Großsenders. Gut ein Jahr später meldete dieselbe Zeitung am 3.12.1932 folgendes:
Das Sendergebäude für den Tegeler Großsender
im Rohbau fertig gestellt
Im kommenden Frühjahr folgt der Funkturm
Kurz vor dem umfriedeten Gelände des Außenspielplatzes Tegel, auf dem sich auch das Jugendheim befindet, zweigt von der Seidelstr. ein befestigter, durch eine lange, rot-weiß angestrichene Barriere markierter Weg ab. Er führt etwa 300 m weit durch den Kiefernwald der Jungfernheide und mündet dann auf den Tegeler Schießplatz. An dieser Stelle, dicht am Rande des Waldes, teilweise noch durch einzelne hervorspringende Bäume verdeckt, geht ein ganz schlicht aussehender zweigeschossiger Bau von nicht erheblicher Größe seiner Vollendung entgegen:
das Sendergebäude des kommenden Tegeler Großsenders!
Im Rohbau ist es bereits fertig. In zwei Wochen etwa werden Bauzaun und Gerüst „fallen“ und die Fensterscheiben eingesetzt werden. Damit ist das Haus dann fertig hergestellt.
Im nächsten Frühjahr werden die Maschinen und Apparaturen eingebaut. Auch der noch fehlende „Funkturm“ wird dann in Angriff genommen; denn im Winter ist der Bau eines Betonfundamentes, auf dem der 165 Meter hohe hölzerne Turm stehen wird, infolge der Kälte kaum möglich.
Wann der Tegeler Sender in Tätigkeit treten wird, das liegt noch nicht genau fest. Man plant jedoch, ihn im nächsten Jahre möglichst zur Funkausstellung sendefertig zu haben. Bekanntlich dauert es immer erst geraume Zeit, bis ein neuer Sender nach kompletter Fertigstellung gebrauchsfähig ist, da die Abstimmung, das „Hinausbringen“ der störenden Nebengeräusche, viel Arbeit erfordert. Der Turm wird in der Diagonalen des im Grundriss ziemlich quadratischen Sendergebäudes, südwestlich von diesem, errichtet, da, wo sich auf nebenstehender Skizze ein Kreuz befindet.

Der 1933 errichtete Sendemast wurde ganz aus Holz erbaut. Hierfür waren 255 Tonnen amerikanische Pechkiefer (Pitchpine) verwendet worden. Die Verschraubungen bestanden aus Bronze. In der Turmmitte verlief die Eindrahtantenne, die oben in einem Bronzering von 10 m Durchmesser endete. Aus strahlungstechnischen Gründen wurde das Sendergebäude in 200 m Entfernung vom Turm erbaut. Ein unterirdisch verlegtes Hochfrequenzkabel sorgte für die Verbindung der Anlagen. Im Sendergebäude waren Räume für den Sender und für die Maschinen-, Hochspannungs- und Kühlanlagen. In einem Seitenflügel waren Büroräume und eine Dienstwohnung untergebracht. Zum siebenstufigen Sender gehörten 1,75 m hohe Großleistungsröhren von 300 Kilowatt in der Endstufe, die gittergesteuerten Quecksilberdampf-Gleichrichter zur Erzeugung einer Anodenspannung von 12000 Volt und umfangreiche Mess- und Kontrolleinrichtungen . Neben dem beschriebenen Haus stand noch ein 19 m hoher Turm für die teilweise Kühlung der Senderöhren. Den Sender selbst hatte die Fa. Telefunken hergestellt. Eine weitere Reihe großer und kleinerer Firmen des Elektro- und Baugewerbes waren im Auftrag und unter Leitung der Deutschen Reichspost tätig.
Am 20.12.1933 um 20 Uhr ging dann nach einer Bauzeit von ungefähr 1 ¼ Jahren und Herstellungskosten von 1 ½ Millionen Reichsmark die gesamte Anlage in Betrieb. „Reichssendeleiter“ Hadamovsky sprach von München aus über den neuen Sender einige Worte der Einführung, wobei alle übrigen deutschen Sender angeschlossen waren. Ab 15.1.1934 übernahm der Tegeler Sender die bisher vom Sender in Mühlacker genutzte Mittelwelle 356,7, während gleichzeitig München die Welle von Berlin und Mühlacker die von München erhielt. Berlin lag damit auf der Abstimmskala der Rundfunkgeräte ziemlich in der Mitte. Als am 19.8.1935 ein Brand auf der Funkausstellung ausbrach, der die Halle 4 völlig zerstörte und zwei UKW-Sender im Maschinenraum des Kellers vernichtete, war dadurch der Tegeler Sender in seinem Betrieb nicht beeinträchtigt. 1940 erfolgte aus Witterungs- und Statikgründen ein Rückbau des Sendemastes auf eine Höhe von nun nur noch 86 m. Nach Kriegsende 1945 wurde der Tegeler Sender der Sowj. Militäradministration unterstellt. Bereits am 13.5. meldete sich „Radio Berlin“ in einer etwa halbstündigen Sendung, aufgenommen in Tegel, einer sicher nur geringen Zahl an Hörern. Wenig später erfolgte ein Umzug in das Haus des Rundfunks in der Charlottenburger Masurenallee. Der Sender nannte sich sodann Berliner Rundfunk.

Als 1948 anlässlich der Blockade Berlins auf dem ehemaligen Schießplatz ein Flugplatz angelegt wurde, erwiesen sich zwei Sendemaste (der bisherige hölzerne Sendemast und ein im Bau befindlicher Stahlrohrmast) auf dem Gelände als Sicherheitsrisiko. Der französische Stadtkommandant, Brigadegeneral Ganeval, erklärte, dass er nicht die Verantwortung für denkbare Flugzeugunfälle übernehmen könne. Er wandte sich am 20.11.1948 an den Direktor des unter sowjetischer Kontrolle stehenden Berliner Rundfunks zwecks Beseitigung der Gefahrenquelle. Dabei verwies er auf den Ausbau des Flughafens, der eine Folge der sowjetischen Blockade Berlins sei. Auf Befehl Ganevals wurden dann am 16.12.1948 die beiden Sendetürme gesprengt. Wie nicht anders zu erwarten, protestierte der sowj. Stadtkommandant, Generalmajor Kotokow, in scharfer Form gegen die Sprengung.

Der eigentliche Sender, bekannt unter der Bezeichnung „Sender 21“, wurde bei der Aktion nicht etwa zerstört. Vielmehr wurde er nach Königs Wusterhausen gebracht und dort von 1949 an wieder in Betrieb genommen. Erst 1989 ging er endgültig außer Betrieb. Er ist heute im dortigen Sender- und Funktechnikmuseum zu besichtigen.
Das Tegeler Gelände blieb in der Folgezeit weiter in Eigentum und Nutzung durch die Post. Derzeit befindet sich hier in der Nähe des Flughafensees die Außenstelle Berlin der Bundesnetzagentur. Die Anschrift lautet Seidelstr. 49.
Gerhard Völzmann


