Mit der (Wieder-) Eröffnung des Strandbads Tegelsee durch die neu gegründete Strandbad Tegelsee gGmbH findet eine Tradition ihre Fortsetzung, die 1932 ins Leben gerufen wurde. Je nach Betrachtungsweise könnte man auch an eine über 100 Jahre alte Tradition denken. Mehr hierzu im folgenden Artikel, der aufzeigen soll, wann einst in Tegel ein Badebetrieb entstand, dass in Wassernähe gern gezeltet wurde und dass dann das heutige Strandbad Tegelsee entstand.

Unser Rückblick beginnt im ausgehenden 19. Jahrhundert. In Tegel, Hauptstraße 21 (heute wäre dies Alt-Tegel 45), wurde auf einem großen Grundstück 1861 die „Schwartkopffsche Villa“ errichtet. Bereits im Mai 1872 konnte sie für den Sommer des genannten Jahres gemietet werden. Die „hart am See“ gelegene Besitzung kaufte Ende der 1880er-Jahren der Unternehmer Friedrich Hanncke. Bevor er im Dezember 1892 seinen Wohnsitz und seine Treibriemenfabrik vom Wedding nach Tegel verlegte, bot auch er die Villa für Sommeraufenthalte an. In entsprechenden Zeitungsanzeigen war ein „Bad vor der Thür“ (Mai 1889) bzw. ein „Herren- und Damenbad vor der Thür“ (April 1890) angegeben. Damit ist überliefert, dass es zumindest ab 1889 eine Badeanstalt am Tegeler See gab. Wann sie errichtet wurde, ließ sich bisher nicht ermitteln. Das Herren- und Damenbad mit Umkleiden, zwei Badebecken und auch Bootsverleih war wohl vom Beginn an im Besitz der Familie Siebert. Ein W. Siebert war ganz in der Nähe ab 1875 bis zumindest 1879 als Pächter einer Schankbude auf dem Ziekowschen Grundstück am Zugang zum Tegeler See. Hier entstand schon bald das gut besuchte „See-Restaurant“. Die Badeanstalt wurde seit 1901 (und wohl auch schon zuvor) von der verwitweten Auguste Siebert betrieben.

Im Juli 1901 forderte der Tegeler See an einem Tag gleich von zwei Männern das Leben, die die Siebertsche Badeanstalt besuchten. Ein Techniker aus Berlin fuhr mit seiner Braut nach Tegel. Während er zum genannten Bad ging, wartete das junge Mädchen im „See-Restaurant“ auf ihn. Nach zwei Stunden hielt sie bei Frau Siebert Rücksprache nach dem Verbleib ihres Bräutigams. Dabei erfuhr sie, dass die Besitzerin der Badeanstalt gerade den Amtsvorsteher über den Tod eines Badegastes unterrichtet hatte, der zu weit in den See hinausgeschwommen und ertrunken war. Der Verunglückte war ihr Bräutigam. Auch ein Geschäftsmann aus Berlin, Vater von acht Kindern, schwamm an demselben Tag von der Siebertschen Badeanstalt aus eine Strecke in den Tegeler See und kehrte nicht mehr zurück.

Badeanstalten: 1= Siebert, 2= Pieper, 3= Klippenstein.

Am 18.3.1906 hatten 5 junge Männer gegen 15 Uhr bei dem Bootsverleiher Max Siebert an der dortigen Badeanstalt ein Fünfsitzerboot gemietet. Die Wellen des Tegeler Sees gingen recht hoch. Zwischen Reiherwerder und Hasselwerder wollte einer der Ruderer das Steuer übernehmen. Obwohl das leichte Fahrzeug schon stark schwankte, erhob er sich von seinem Platz. Das Boot schlug um, alle Personen stürzten in die Fluten. Der Vorgang wurde vom Dampfer „Neptun“ aus beobachtet. Der Führer des Dampfers steuerte sofort der Unglücksstelle zu. Doch es konnte nur der 19 Jahre alte Arbeiter Hinze gerettet werden, der sich am Rand des gekenterten Bootes festgehalten hatte. Die anderen 4 jungen Männer ertranken. Auguste Siebert musste, so der Haushaltsplan 1914 der Gemeinde Tegel, 100 M. für das Auflegen eines Zugangsweges zur Badeanstalt und zu den Booten bezahlen. Der Bootsverleiher Max Siebert hatte eine Anerkennungsgebühr von 50 M. für einen Bootssteg auf das Ufergelände des Tegeler Sees an die Gemeinde zu entrichten.

Als am 2.8.1914 der Weltkrieg begann, wurde der Bademeister der Siebertschen Badeanstalt sogleich als Soldat eingezogen. Ein zu dieser Zeit Jugendlicher berichtete, dass er deshalb nach zwei Unterrichtsstunden seine Schwimmübungen allein im Tegeler Fließ fortsetzen musste. Er erinnerte sich auch daran, dass von der Badeanstalt aus im Sommer Bigalkes Motorboot bis zu 20 Personen nach Hasselwerder brachte. Die Siebertsche Badeanstalt bestand wohl bis zum Jahre 1920.

Blicken wir nun zur Badeanstalt von Carl Pieper, die einst gut 350 m von der zuvor betrachteten Einrichtung entfernt dort lag, wo die Veitstraße am Tegeler See endete. Über diese Badeanstalt kann mehr berichtet werden. Carl Pieper erblickte in Nakel / Netze, einer Stadt im Regierungsbezirk Bromberg, das Licht der Welt. Als Baggermeister kam er 1895 nach Tegel, um im Dienst der Firma Borsig deren Ablage und Hafen zu bauen.

Später war er für die Gemeinde Tegel mit der Anlage der Uferpromenade beschäftigt, wobei es allerdings zu Problemen kam, auf die hier nicht näher eingegangen wird. 1897 entschied sich Pieper, hier eine Badeanstalt zu errichten. Die Konzession hierfür war kein Problem. Eine schnelle Ausführung führte dazu, dass noch im Sommer des genannten Jahres der Badebetrieb aufgenommen wurde. Schnell entwickelte sich ein „idyllisches“ Bad mit Besuchern aus Tegel. Aber auch aus Berlin kam „gutes, solides“ Publikum. Künstler des Wintergartens, Bühnenstars besuchten die Badeanstalt, ja, selbst die Operettendiva Fritzi Massary soll hier häufig gebadet haben. Männlein und Weiblein durften hier – wie auch in der Siebertschen Badeanstalt – „nach dem Prinzip des modernen Familienbades“ – hinausschwimmen in die „hohe See“. Allerdings war es in Piepers Badeanstalt schon eine kleine Sensation, dass hier die Bassins für Männer und Frauen nur durch einen Balken, also nicht durch eine sonst übliche Bretterwand getrennt waren. Und die Moral hat davon noch nicht gelitten, schrieb damals eine Zeitung. Die Aufenthalts- und Badesituation bei Pieper änderte sich schlagartig, als die Straßenbahnlinie nach Tegel auf elektrischen Betrieb umgestellt wurde und Berliner Zeitungen vom „Seebad Ostende“, wie Pieper seine Anlage nun nannte, berichteten. Der Name war eine Anspielung auf das mondäne Seebad in Belgien. Jetzt konnten die Großstädter behaupten, für eine Fahrt von anfangs 25 Pf. und dann bald auf 10 Pf. reduziert im „Seebad Ostende“ gewesen zu sein. Bereits ab Juli 1900, dem Zeitpunkt des Beginns des elektrischen Betriebes der Straßenbahn, wanderten an schönen Sonntagen große Menschenmengen von der Straßenbahnhaltestelle Veitstraße zur Pieperschen Badeanstalt. Das Bad war nun nicht mehr wiederzuerkennen.

Tätowierte Burschen, „ebenso dunkel im Ruf – soweit man von einem solchen überhaupt noch sprechen konnte – wie im Aussehen“ bevölkerten die Badeanstalt. Niemand war vor ihnen sicher. Etwa acht Polizisten, die mobil gemacht wurden, konnten nichts ausrichten. Sie konnten ja nicht „blankziehen“, und Gummiknüppel hatten sie damals noch nicht. Es wurde so schlimm, „dass ein anständiger Mensch die Badeanstalt nicht mehr betreten konnte“. Pieper griff zur Selbsthilfe. Er stellte 12 „stabile“ Schifferjungen aus Friedrichsthal bei Oranienburg ein, die sonst Baggerarbeiten am Tegeler Strand verrichteten, stattete sie mit Gummiknüppeln aus und schuf damit eine eigene „Badepolizei“. Eine Woche lang gab es „Wichse“. Das wirkte Wunder. Die „schweren Jungs“ aus Berlin blieben fern, nun konnten wieder die „anständigen Menschen“ im Tegeler See baden.

Am 30.8.1907 nahm sich ein etwa 31 Jahre alter Mann im Tegeler See das Leben. Beim Bootsverleih von Pieper hatte er ein Ruderboot gemietet. Er fuhr längere Zeit auf dem See umher und sprang dann in der Nähe der Insel Hasselwerder ins Wasser und versank in den Fluten. Obwohl Schiffer zur Unfallstelle fuhren und nach dem Mann tauchten, konnte er aber nicht mehr gerettet werden.

Im Februar 1908 unternahm Carl Pieper mit anderen Personen zusammen Rettungsversuche. Der Postschaffner Münde aus der Müllerstraße wollte sich auf der nicht mehr freigegebenen Eisfläche des Tegeler Sees von Tegel nach Saatwinkel begeben. Er brach auf dem Eis ein, rief um Hilfe und versuchte, sich an den immer wieder abbrechenden Eiskanten festzuhalten. Carl Pieper sprang mit anderen Männern zusammen in ein Boot, weil nur so eine Rettung möglich erschien. Diese war sehr schwierig, weil für das Vorankommen immer erst das Eis aufgeschlagen werden musste. Schließlich konnte der Postschaffner in das Boot gezogen und dann zum Paul-Gerhardt-Stift gebracht werden.

Einen wiederholten Selbstmordversuch unternahm im Juni 1908 der Arbeiter R. aus der Brunowstraße. Seiner Frau sagte er, dass er sich das Leben nehmen wolle, weil er keine Arbeit mehr bekäme. Nur mit Hemd und Hose bekleidet, rannte er zum Tegeler See, gefolgt von seiner hilferufenden Frau und anderen Personen. Bei der Pieperschen Badeanstalt sprang er in den See. Drei Ruderer fischten den sich heftig Wehrenden aus dem Wasser und transportierten ihn zur Badeanstalt, wo er behandelt und wieder voll zu Bewusstsein gebracht wurde. Plötzlich stieß er seine Retter beiseite, verließ die Anstalt und sprang wieder ins Wasser. Er wurde erneut gerettet und nun der Polizei übergeben.

Zumindest 1910 nutzte der Tegeler Schwimmverein „Delphin“ Piepers Badeanstalt. Für die Männer-, Jugend- und Schülerabteilung begannen die Übungsstunden dienstags, mittwochs, freitags und sonnabends um 18 Uhr und für die Frauen- und Mädchenabteilung montags und donnerstags ebenfalls um 18 Uhr.

um 1917

„Tegel wird Weltbad“, so die Überschrift eines kleinen Artikels einer Berliner Zeitung im Juli 1913. „Um den nicht in die Sommerfrische gegangenen Einwohnern wenigstens eine Annehmlichkeit eines Badelebens zu verschaffen, hat die Gemeindeverwaltung von Tegel beschlossen, das Strandbild am Tegeler See durch Aufstellung von vermietbaren Strandkörben interessanter zu gestalten“. Auf dem Spielplatz vor der Badeanstalt von Pieper wurden 3 (!) Strandkörbe aufgestellt. Ein einsitziger Strandkorb kostete 10 Pf. stündlich, 30 Pf. täglich oder 2 M. wöchentlich. Der Strandkorb für zwei Personen war beim Parkwächter in den Anlagen mit 15 Pf., 50 Pf. bzw. 3 M. zu bezahlen. „Es fehlen nur noch die Strandkapelle sowie die Einführung einer Kurtaxe, um aus Tegel ein Heringsdorf zu machen“. So einfach erschien also damals der Weg zu einem Weltbad. 1914 erwartete die Gemeinde Tegel in ihrem Haushaltsplan immerhin Einnahmen von 200 M. für das Vermieten von „Strandzelten“, wobei mit diesem Wort sicher die jetzt vermehrt aufgestellten Strandkörbe gemeint waren. Später, u. a. am 12.5.1922, schrieb die Parkverwaltung die Verpachtung der „Strandzelte“ zum Zwecke der Vermietung durch Privatpersonen aus. Bewerbungen von Kriegsbeschädigten erhielten den Vorrang. Auch Carl Pieper musste wie Auguste Siebert an die Gemeinde Tegel einen jährlichen Betrag entrichten. Seine Anerkennungsgebühr für das Auflegen eines Zugangssteges zur Badeanstalt, Restauration und zu den Motor- und Ruderbooten betrug 1914 300 M. Die Badeanstalt wurde im Frühjahr 1926 abgerissen und „verlegt“, weil an dieser Stelle durch die Firma Borsig ein Dammbau „quer durch den Tegeler See“ bis zur Gasanstalt hin aufgeschüttet werden sollte, der im Juni 1926 schon „ziemlich weit fortgeschritten“ war. Später sollte am bisherigen Standort der Badestelle eine neue Anlage „mit allen zeitgemäßen Einrichtungen“ entstehen. Dazu sollte es jedoch nie kommen.
Erwähnt sei noch, dass es an der Uferpromenade gar eine dritte Badeanstalt gab. Am heutigen Borsighafen gelegen, gehörte sie zum Restaurant „Seeschlößchen“, das Julius Klippenstein besaß. Die Gaststätte musste in Folge des ersten Weltkrieges schließen. Über die Badeanstalt sind keine Einzelheiten bekannt.

Wir betrachten nun die Städtische Badeanstalt Tegel, die etwa 200 m nördlich der im Abbruch befindlichen Badeanstalt von Pieper entstand. Bei dem „Neubau“ wurde die Materialien der Pieperschen Anlage wieder verwendet. Insofern wurde die alte Einrichtung im allerdings erweiterten Umfang an neuer Stelle wieder aufgestellt. Für Damen und Herren entstanden je 15 x 27 m große Badebecken, während ein drittes Becken mit 20 x 27 m besonders groß für Kinder (Schwimmer und Nichtschwimmer) zur Ausführung kam. Die Badefläche betrug insgesamt 2000 m². Vor den Badebecken entstanden Einzelzellen, ausreichende Umkleideräume mit Kleiderablagen und ein Erfrischungsraum. Der Boden der Badebecken wurde anfangs durch Ausbaggerung von allen Verschmutzungen gesäubert und anschließend mit reinem Flusssand aufgeschüttet. Ein farbiger Anstrich des Bauwerks vermittelte den Eindruck eines Neubaus, der sich „harmonisch in die schöne Landschaft einfügte“. Da die Arbeiten des Bezirks-Hochbauamtes „aufs Eifrigste“ betrieben wurden, konnte die Städtische Badeanstalt Tegel bereits am 15.6.1926 ihren Badebetrieb aufnehmen. Pächter der Anstalt wurde – Carl Pieper! Zur Aufstellungen über die Eintrittspreise ist ergänzend zu erwähnen, dass Erwerbslose werktags von 13 – 1630 Uhr die Bäder in der Flußbadeanstalt Tegel, wie sie auch genannt wurde, kostenlos besuchen konnten.
Schon bald mussten morsche Bretter, die ja noch von der alten Badeanstalt stammten, ausgetauscht werden. Es erfolgte aber keine vollkommene Erneuerung des Fußbodens, so dass im März 1929 eine Zeitung die Befürchtung äußerte, dass Besucher durch die morschen Bodenbretter brechen könnte. Zumindest ab 1933 war der Gastwirt Max Hempel Pächter der Städtischen Badeanstalt Tegel, bis sie 1936 abgerissen wurde. Damit endete die Möglichkeit, an der Uferpromenade in einer Badeanstalt baden zu gehen. Ob hier danach noch „frei“ gebadet wurde, ist nicht überliefert.

Wir blicken nun zur Liepe, der vielleicht unter diesem Namen weniger bekannten Bucht des Tegeler Sees. Sie grenzt an die Halbinsel Reiherwerder, auch das Forsthaus Tegelsee ist nicht weit entfernt. Hier befindet sich ja auch heute noch eine kleine Badestelle. In welchem Zeitraum hier das Freibad Tegel bestand, ließ sich bisher nicht eindeutig ermitteln. Ein Zeitungsartikel aus dem Jahre 1928 erwähnt in diesem Zusammenhang einen uns nun schon bekannten Namen: Carl Pieper. Er richtete mit Motorbooten vor dem ersten Weltkrieg eine Überfahrt-Möglichkeit zur Liepe ein. Im dortigen Freibad herrschten „tolle Zustände“, wie sie Pieper bereits in seinem „Seebad Ostende“ kannte. 18 Polizisten in Zivil sollen hier ein halbes Jahr lang Ordnung gehalten haben, um dann machtlos zu sein. „Rüpelhafter Terror“ setzte ein, bis Pieper die Haupträdelsführer aus der Schlägerkolonne zur Aufrechterhaltung der Ordnung anwarb. Schnell herrschte fortan Ruhe. Der Badebetrieb entwickelte sich jetzt so gut, dass an heißen Sommersonntagen des Jahres 1910 etwa 15000 (?) Personen mit drei Motorbooten nach dem Bad übergesetzt wurden. Dieser Betrieb musste dann unerwartet eingestellt werden. Eine Begründung hierfür ist im oben erwähnte Zeitungsartikel aber nicht schlüssig. Dort wird berichtet, dass nach dem Krieg der bekannte Zweckverband, der Vorläufer der Eingemeindung, entstand und dem Tegeler Bademeister (Pieper) die Bootsanlegestellen entzog. Der Zweckverband entstand bereits 1912, der Krieg begann 1914 und die Eingemeindung erfolgte 1920. Dass bereits der Zweckverband zu einer Einstellung des Motorbootverkehrs führte, ist eher unwahrscheinlich.

Im September 1915 wurde das Baden im Tegeler See außerhalb der zugelassenen Badeanstalten und Freibäder auch auf der Strandfläche, die 50 m nördlich des Landvorsprungs gegenüber der Insel Scharfenberg (Scharfenberger Enge) begann und mit dem Aufhören des Altholzbestandes ihr Ende fand, bis auf weiteres verboten. Am 24.6.1920 berichtete eine Zeitung über eine Sitzung der Tegeler Gemeindevertreter: Für das Freibad am Tegeler See werden die Mittel bewilligt. Es soll verlegt und noch vor Beginn der Ferien eröffnet werden. Schon am 9.7.1920 war dann zu lesen:
Tegel. Ein Freibad. Die Gemeindeverwaltung hat sich wegen der vielen Todesfälle durch Ertrinken entschlossen, ein Freibad einzurichten. Es befindet sich gegenüber der Insel Scharfenberg, unweit Tegelort. Der Eintrittspreis beträgt für Erwachsene 30 Pf., für Kinder 15 Pf. Unglücksfälle dürften hier vermieden werden können, da Badewärter mit Rettungsbällen zur Stelle sind. Außerdem sind Garderoben dort, ähnlich wie im Freibad Wannsee. Das Publikum wird im eigenen Interesse gebeten, an verbotenen Stellen nicht zu baden, sondern das Freibad zu benützen.
Damit gab es im Juli 1920 bereits ein Freibad an jener Stelle, an der später, wie noch zu berichten sein wird, das Strandbad Tegelsee entstand. Zur Badesaison 1921 wurde das Freibad Tegel an der Scharfenberger Enge durch Hinzunahme weiteren Ufergeländes so vergrößert, dass es eine Badefront von 450 m und eine Fläche von 2 Hektar hatte und damit selbst bei stärkstem Andrang allen Besuchern reichlich Bewegungsfreiheit gestattete. Der Eintrittspreis betrug jetzt für Erwachsene 50 Pf. und für Kinder 25 Pf., bei klassenweisem Besuch „unter Führung“ nur 10 Pf.

1922 eröffnete das Freibad am 25.5. seinen Betrieb. Inflationsbedingt lagen die Eintrittspreise jetzt bei 1 M. für Erwachsene und 50 Pf. für Kinder. Für Schulklassen blieb es bei 10 Pf. je Kind. Das Bad war mit der Straßenbahn (Linie 25: Charlottenstraße – Tegelort, Haltestelle Habicht) und einem Fußweg von 10 Minuten „auf herrlichem Waldwege“ zu erreichen. Auch der Wasserweg von Tegel war eine „bequeme Fahrgelegenheit“. Das Freibad Tegel als „Vorläufer“ des Strandbads Tegelsee war im Mai 1923 bereits vom Erdboden verschwunden, weil schon 1922 mehr Menschen außerhalb als innerhalb des Freibades badeten. Der Haushaltsplan 1927 sah für den Verwaltungsbezirk Reinickendorf 75000 RM als erste Baurate für die Errichtung eines Freibades am Tegeler See vor. Mit dem Bau wurde jedoch nicht begonnen.

In unserem Rückblick besuchen wir jetzt den Zeltlagerverein „Tegelsee“, eine Zelt-Kolonie, die 1918 im Abschnitt zwischen der Bucht Liepe und dem zuvor beschriebenen Freibad Tegel am Wald- und Wasserrand entstand. Von einem leichten Zaun umgeben, standen hier im August 1922 vom Frühjahr bis zum Herbst 25 – 30 Zelte von der einfachen Dreieckform bis zu den senkrechten Wänden und dem besonderen Dach. Einem Teil der Zeltstoffe sah man noch an, dass sie aus Heeresbeständen stammten. Die ein- oder zweistöckigen Bettstellen, je nach Personenzahl, bestanden aus Latten oder Brettern, hatten Drahtböden und einfachen Matratzen. Wolldecken ersetzten die Federbetten. Ein Tisch, ein paar Stühle und der notwendigste Hausrat gehörten zur weiteren Ausstattung. Kleine, alle gleich aussehende braun lackierte Kochherde mit einem etwa 2 m hohen Rauchabzugsrohr standen abseits am Wasserrand. Wurde es kalt, dienten sie nach Entfernung des Rohres im Zelt als Wärmequelle.
Am Eingang des Zeltplatzes trug eine Holztafel die Inschrift Zeltlagerverein „Tegelsee“. Die Zeltsiedlung war polizeilich genehmigt, die Plätze wurden von der Forstverwaltung angewiesen. Die Gebühr für einen Zeltschein betrug hier 15 M., eine Berechtigung für das Sammeln von dürrem Holz kostete 12 M. Beide Scheine stellte die Oberförsterei Saatwinkel aus. Zum Zeltschein ist noch zu bemerken, dass eine Verordnung aus der Zeit um 1907 bereits festlegte, dass für das Zelten an den Ufern der märkischen Gewässer eine Genehmigung erforderlich war. Der Zeltschein galt in ganz Brandenburg für ein Jahr und kostete 1927 2 M. Wurde vielleicht anfangs nur das Wochenende unter dem Zeltdach verbracht, dann schloss man am Sonntag abends die Zelttür ab und bat den Nachbarn um Bewachung. Für Frauen und Kinder entstand oft auch ein durchgehender Sommeraufenthalt. Der Mann nahm in der Frühe ein Bad im Tegeler See und fuhr dann mit der Straßenbahn zur Arbeit. Die Frau ging auf Waldwegen nach Tegel, um Lebensmittel einzukaufen, sofern sie der Mann nicht aus Berlin mitbrachte. Kam dieser gegen 17 Uhr zum Zeltplatz zurück, war die warme Mahlzeit schon vorbereitet. Waren einmal alle Zeltbewohner abwesend, dann wurde ein Wächter aufgestellt, der dadurch seinen Sommeraufenthalt gratis hatte und noch etwas Geld bekam. Für Fahrten nach Tegel wurden auch Fahrräder gern benutzt. Vom sogenannten Freibad aus, das wie berichtet bis 1922 bestand, konnte man sich zudem für 15 Pf. mit dem Motorboot nach Tegel bringen lassen.

Erwähnt sei noch, dass es schon im Mai 1914 durch eine Polizeiverordnung verboten war, außerhalb der zugelassenen Badeanstalten und Freibäder vom Ufer aus zu baden. Selbst am Ufer war der Aufenthalt in Badebekleidung oder gar unbekleidet verboten. Das galt auch bei einem Aufenthalt in Booten. Dass diese Verordnung kaum beachtet und selten durchgesetzt wurde, muss sicher nicht extra hervorgehoben werden. Ab 1.11.1922 war dann im Prinzip alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten war.

Im Januar 1932 erfuhren Zeitungsleser, dass „einem von dem Bezirksamt vorgelegten Vertrage betreffs Errichtung eines Freibades am Tegeler See an der Scharfenberger Enge zugestimmt wurde. Da die Zustimmung der zentralen Behörden erfolgen wird, erscheint die Errichtung des Freibades, wenn auch vorläufig noch von privater Seite, gesichert“.
Den Auftrag für die Errichtung des Bades erhielt eine Hoch- und Tiefbaufirma aus Schmargendorf, die mit der Ausführung der Arbeiten in der letzten Juni-Woche des genannten Jahres begann. „Mit Volldampf“ machten sich über 100 Arbeiter, teils mit Überstunden, an das Werk. Mitte Juli 1932 hatte das Gelände von der Scharfenberger Enge ostwärts verlaufend eine Wasserfront von 500 m. Die zuvor beschriebene Zeltstadt wurde mit einbezogen. Die Grundstückstiefe reichte bis zum Schwarzen Weg. Ein hoher Zaun umgab das Bad bereits. Einige Bäume wurden schon entfernt, andere waren noch zur Fällung vorgesehen.
Heiße Sommertage sorgten für viel Schweiß beim Planieren des Geländes. Zwei Kassenhäuschen in der Mitte der Geländefront, zwei massive einstöckige Hallen mit Flachdach in 30 m Länge und 10 m Breite mit je 80 Umkleidekabinen, ein massives Toilettengebäude und einige hölzerne Verkaufsbuden, hellgelb und dunkelrot angestrichen, das waren die bereits bestehenden Bauten. In der Grundstücksmitte sollte noch ein provisorisches Wirtschaftsgebäude entstehen, das im Herbst einem massiven Bau weichen sollte.
Für den Nichtschwimmerbereich waren Mitte Juli Bojen zur Abgrenzung vorhanden, jedoch noch nicht ausgelegt. Dies war besonders wichtig, weil hier in der Vergangenheit viele Badende ertranken. Zum Personal des Bades gehörten zwei Bademeister und drei Rettungsschwimmer. Zudem war eine Station der Saatwinkler Arbeitersamariter im Bad geplant. Nach dem Zeitungsartikel v. 17.7.1932, dem die zuvor genannten Informationen entnommen wurden, sollte „ am Sonntag1 nun die provisorische Eröffnung des Bades sein, dessen sich der Berliner nach Fertigstellung wahrlich nicht zu schämen braucht“.
Eine Woche später berichtete dieselbe Zeitung, dass das Freibad Tegelsee in 10 bis 14 Tagen vollendet sein wird und dann völlig der Öffentlichkeit übergeben werden könne. Die Bojen waren schon ausgelegt, eine Kabinenhalle bereits fertig und in Nutzung. Noch waren Arbeiter im Bad beschäftigt. An einem Freitag2 Nachmittag erfolgte die baupolizeiliche Abnahme des Strandbades Tegelsee durch das Bezirksamt Reinickendorf. Diese Handlung war die offizielle Eröffnung des Strandbades, wobei zu bemerken ist, dass der 5.8.1932 ausgerechnet der letzte Ferientag in Berlin war. Zu diesem Zeitpunkt waren bis auf einen kleinen Rest alle Planierungsarbeiten beendet. Auf dem Strand mit seinem hellen Sand standen Strandkörbe und Liegestühle. Hellfarbige Bojen trugen die Aufschrift „Grenze für Nichtschwimmer“, während 100 m vom Ufer entfernt die Bojen mit der Aufschrift „Grenze des Strandbades Tegel“ den Schwimmern Halt geboten. Die Wassertiefe lag zwischen 4 und 8 m. Ein „Pier“ reichte über die Nichtschwimmergrenze hinaus. Am Ende war ein 4 m  hoher Wachtturm für den Bademeister mit einem Ausblick zu allen vier Seiten. Am Steg lag ein Rettungskahn, der bei Bedarf von den dem Bademeister unterstehenden Rettungsschwimmern genutzt wurde. Die großen Hallen mit ihren je 40 Dauer- und Wechselkabinen waren vollendet. 30 große Papierkörbe seien noch erwähnt. Es ist durchaus nicht übertrieben, wenn man dieses Strandbad das schönstgelegene aller Berliner Freibäder und ein Schmuckstück unseres Nordens nennt. So das damalige Lob einer Zeitung.

In der Folgezeit gingen Arbeiten zum Ausbau des Strandbades weiter. Mitte April 1933 waren sie bis auf Kleinigkeiten vollendet. Eine offizielle (erneute) Eröffnung war für Mitte Mai des Jahres geplant. Licht-, Luft- und Sonnenbäder konnten schon unentgeltlich eingenommen werden. Im Herbst 1932 wurde die Zeltstadt vom Strandbad-Gelände entfernt. Der Nichtschwimmerbereich erfuhr durch Aufschüttung von 50 Kahnladungen Sand auf den Seeboden eine erhebliche Vergrößerung auf jetzt 60 m im Wasser. Schon 1932 hatte man festgestellt, dass sich an hier von 90 cm auf 1,60 m ab. Mit Hilfe eines selbst gebauten Floßes wurde Sand herbeigeschafft und dem Übel damit kurzfristig abgeholfen.
Gleich hinter dem „Schloßrestaurant“ (Restaurant Alter Fritz) zeigte ein Wegweiser an:„Zum Strandbad Tegelsee“. Die Straßenbahn nach Tegelort erhielt an der Haltestelle „Habicht“ den Zusatztitel „ Haltestelle Strandbad Tegelsee“, der auch vom Schaffner mit ausgerufen wurde.

Erster Pächter des Strandbades Tegelsee mit seinen 36000 m² Gelände war Paul Willner. Er kannte sich in dem Bereich gut aus, war er doch zuvor ab 1920 Revierförster im nahen Forsthaus Tegelsee. 1936 war das Bad von 6 Uhr in der Frühe bis zur Dunkelheit geöffnet. Der Eintritt für Erwachsene betrug 15 Pf., Kinder zahlten 5 Pf. Das Sprungbrett hatte eine Breite von 2 m, Turngeräte standen zur Verfügung.

Am 21.1.1937 beschäftigten sich die Ratsherren der Reichshauptstadt unter der Leitung des Oberbürgermeisters Dr. Lippert in einem Sitzungspunkt mit dem Freibad Tegelsee. Es ging um einen Vergleich mit der Firma Hermann Schäler, jenem Baugeschäft, dass das Strandbad errichtete. Ratsherr Scheller berichtete von einer Übervorteilung, schweren Schädigung und zu befürchtendem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Pächters Willner. Die Frage einer Weiterführung des Strandbades ab 1.4.1938 durch die Stadt Berlin wurde gestellt. Von einer 80000 bis 90000 RM hohen Schadenssumme durch nicht ausgeführte Bauten und minderwertigem Material wurde gesprochen. Mit dem Einvernehmen über einen Vergleich in Höhe von 37000 RM endete dieser Punkt der Sitzung. Willner war wohl bis 1939 Pächter des Strandbades. Als u. a. am 10.3.1940 die Sommerbadeanstalt mit Schankwirtschaftsbetrieb durch das Bezirksamt Reinickendorf neu ausgeschrieben wurde, erhielt des Gastwirt Richard Sprang den Zuschlag. Er musste ein Betriebskapital von circa 12000 RM nachweisen.
Zu dieser Zeit verfügte das Strandbad im Tegeler Forst Nord, Jagen 65 am Schwarzen Weg, über ein Sprungbrett von 1 m und eine Wassertiefe bis zu 3,50 m. Es war von 7 Uhr morgens bis zum Eintritt der Dunkelheit geöffnet. Der Eintrittspreis lag bei unverändert 15 bzw. 5 Pf. für Erwachsene bzw. Kinder. Sprang blieb über das Kriegsende hinaus bis 1951 Pächter. Vom Folgejahr an war es der Gastwirt Willi Neumann, im Zeitraum von 1962 bis 1973 Gerda Neumann. Auf zeitlich folgende Einzelheiten (weitere Pächter, Übernahme des Strandbades durch die Berliner Bäderbetriebe in den 1990er-Jahren und die zuletzt jahrelange Schließung) wird hier verzichtet. Es bleibt zu hoffen, dass mit der Wiedereröffnung des Bades durch den Verein Neue Nachbarschaft Moabit am 3.6.2021 zu einem späteren Zeitpunkt eine lange erfreuliche Fortschreibung dieses Beitrages möglich wird.

Mai 2021

 

 

1 Das Datum hierzu: 17.7.1932
2 Vermutlich Freitag, der 5.8.1932

In einem früheren heimatkundlichen Beitrag wurde bereits berichtet, dass die Deutsche Reichs-Postverwaltung 1873 in Tegel zur Freude und Erleichterung der Dorfbewohner eine Postanstalt eröffnete. Es war eine in der Schloßstraße gelegene Postexpedition. Später (1899) war die nun in der Berliner Straße befindliche Einrichtung bereits ein Postamt 2. Klasse, dass 1900 in die Bahnhofstraße (heutige Grußdorfstraße) umzog.
Das Jahr 1900 war für Postkunden insofern von Bedeutung, als am 1.4. ein „postalisches Groß-Berlin“ eingeführt wurde. Jetzt galten außer in Berlin auch für viele Ortschaften im Umfeld der Stadt ermäßigte Portosätze. Hiervon waren u. a. Reinickendorf-Ost und Reinickendorf-West betroffen, Tegel jedoch nicht. Begründet wurde dies mit einem zwischen Berlin und dem Vorort fehlenden baulichen Zusammenhang.
Zuvor hatten 1896 auf Tegeler Gebiet die Arbeiten für die Errichtung eines Gefängnisses begonnen, die zwei Jahre später mit der Aufnahme der ersten 90 Gefangenen weitgehend abgeschlossen waren. Für diese Haftanstalt, die wir ja heute als Justizvollzugsanstalt in der Seidelstraße kennen, gab es damals eine Besonderheit. Die Tegeler Chaussee, so noch der damalige Straßenname, gehörte nämlich postalisch zu Reinickendorf-West. Das galt somit für die Anstalt selbst wie auch für einen davor befindlichen Briefkasten. Auch die Bernauer Straße zählte zum Ortsbezirk Berlin. Doch warum ausgerechnet diese Straße? Die Erklärung ist, dass die Bernauer Straße einst auf dem Gelände des Schießplatzes lag, mithin dem Militärfiskus gehörte. Lange verhandelte die Gemeinde Tegel mit dem Fiskus zwecks Übernahme der Unterhaltspflicht der Straße. Ausbau und Pflasterung sollten 800000 Mark kosten. Der Fiskus war (November 1907) bereit, Tegel 100000 Mark Entschädigung zu zahlen, doch die Gemeinde bestand auf 120000 Mark. Im Folgejahr bot das Kriegsministerium „wegen der schlechten Finanzlage“ immerhin 105000 Mark an.

Doch zurück zu den Postkuriositäten, die uns Berichte aus den Jahren ab 1904 vermitteln. Der Briefkasten vor dem Gefängnis war „der beliebteste Kasten Tegels“. Hier eingeworfene Briefe wurden zur Ortstaxe von 5 Pfg. nach Berlin befördert. Hingegen erforderten Briefe, die in alle weiteren Tegeler Briefkästen eingeworfen wurden, das Fernporto von 10 Pfg. Die Firma Borsig ließ alle Briefe zum „Gefängnisbriefkasten“ bringen, ebenso das Tegeler Amtsbüro. Monatlich gingen nach Auskunft Tegeler Einwohner 3000 Briefe nur über diesen Briefkasten nach Berlin. Hinzu kamen noch jene Briefe, die direkt nach Berlin mitgenommen wurden. Umgekehrt wurde durch „freiwillige Angaben“ im Juni 1904 ermittelt, dass monatlich etwa 2000 Karten und Briefe in Tegel eingingen, die durch unzureichendes Porto mit Strafen von 10 bis 15 Pfg. belegt wurden.

Kommen wir nun zu besonderen Postkuriositäten. Das Städtische Gaswerk VI in Tegel wurde ab 1902 erbaut und 1905 in Betrieb genommen. Es hatte in der Bernauer Straße gleich im ersten Haus nahe Berliner Straße ein Baubüro. Briefe dorthin waren nach Ortstaxe zu berechnen. Der Fernsprecher hatte die Tegeler (!) Rufnummer 132. Nur wenige Schritte entfernt, auf dem Gelände der Gasanstalt gelegen, befand sich eine Baukantine. Sie raten richtig! Briefe an die Kantine erforderten Fernporto. In der Bernauer Straße lag auch das Wasserwerk der Gemeinde Reinickendorf.

Die Postkarte von Reinickendorf-Ost nach „Borsigwalde bei Tegel“ hätte 1902 5 Pf. Porto gekostet. Mit nur 2 Pf. frankiert, wurden 10 Pf. „Strafporto“ erhoben.

Wenn im Jahre 1904 die Ehefrau des dort wohnhaften und tätigen Heizers St. Hillar eine Postkarte aus Berlin erhielt, dann war diese mit (nur) 2 Pfg. frankiert und gerichtet an „Frau Hillar, Wasserwerk Reinickendorf, in Reinickendorf-West, Bernauer Straße“. Der Ankunftsstempel des Postamtes Reinickendorf (West) war damals noch üblich und trug zumeist das gleiche Tagesdatum wie der Aufgabestempel. In der Bernauer Straße befanden sich damals auch das „Restaurant zum Waldkater“ von Korla, die „Irrenanstalt“ von Thieme und nicht zuletzt das Städtische Wasserwerk. Für diese Anlieger galt ebenfalls das Berliner Ortsporto.
Borsigwalde gehörte 1904 postalisch (seit Gründung als Kolonie 1898) noch zu Tegel, war aber ein Teil der Gemeinde Dalldorf (Wittenau). Wollte man einen Brief von Borsigwalde nach Dalldorf verschicken, dann ging dieser erst nach Tegel, von dort nach Berlin und schließlich über die Nordbahn nach Dalldorf. Das dauerte zum Teil 24 Stunden für eine Strecke, die man in 20 – 25 Minuten zu Fuß zurücklegte. Das Briefporto betrug 10 Pfg. Schon 1901 hatten sich Einwohner von Dalldorf über postalische Missstände beklagt und statt der Postagentur die Errichtung eines Postamtes und die Einführung der Ortstaxe gefordert. Doch es änderte sich zunächst nichts.
Am 23.4.1905 beschäftigte sich noch einmal eine Berliner Zeitung mit dem von und für Tegel geforderten postalischen Nachbarortsverkehr. Das Tegeler Postamt hatte hierzu im Dezember 1904 die folgenden ganz konkrete Zahlen erhoben:

Blicken wir zwischendurch auch auf den Telefonverkehr der damaligen Zeit. Es war kurios, dass die öffentliche Fernsprechstelle in Reinickendorf (West) bis August 1904 zum Ortsbereich von Tegel gehörte. Erst danach wurde sie in den Ortsbereich von Reinickendorf (Ost) einbezogen. Der Sprechbereich und die Gebührensätze waren jetzt dieselben wie für Reinickendorf (Ost).

Am 1.4.1905 gab es in Tegel 292 Telefonanschlüsse und 56 Privatnebenanschlüsse. Tierarzt Ewald Post aus der Schloßstraße 25 hatte natürlich einen Telefonanschluss. „Telephon-Nervosität“ war für ihn der Grund, am 24.10.1905 eine Beschwerdeschrift über eine Telefonistin an das Tegeler Postamt zu richten. Am Vortag verlangte er nämlich eine Verbindung mit einer Berliner Telefonnummer. Erst wurde er falsch verbunden, dann dauerte es mehrere Minuten bis zur richtigen Vermittlung. Post war der Meinung, dass er absichtlich falsch verbunden wurde. Zudem, so der Tierarzt, hätte die Telefonistin während des Sprechens mit ihm auch noch gelacht. Die Beschwerdeschrift schloss mit der Bemerkung: „Er sei nicht gesonnen, sich durch Albernheiten des weiblichen Telegraphenpersonals chikanieren zu lassen.“

Es folgte ein Gerichtsverfahren wegen Beamtenbeleidigung. Das Schöffengericht verurteilte Post zu einer Geldstrafen von 20 Mark. Post legte gegen das Urteil Berufung ein und wurde nun freigesprochen. „Da dem Angeklagten geglaubt worden, daß er von der Wahrheit seiner Wahrnehmungen vollständig überzeugt gewesen, so habe er auch von Albernheit sprechen können, ohne die Grenzen des § 193 zu überschreiten. Junge Damen, auch wenn sie im Postdienste beschäftigt seien, lachen doch bekanntlich gern und würden leichter nervös als Männer, und wenn der Angeklagte dieser Erfahrung entsprechend das Wort ´Albernheit` anwandte, so sei daraus nicht die Absicht der Beleidigung zu schließen.“ So die Begründung des Gerichts im Berufungsverfahren.

1907 wurde der Telefonverkehr nach den nördlichen Vororten Berlins als mangelhaft bezeichnet. So war das Tegeler Amt so sehr überlastet, „daß es geradezu ein Zufall ist, wenn man auf den ersten Anruf Anschluß erhält… Hier (u. a. in Tegel) sind so wenig Leitungen vorhanden, daß die Telephon-Beamtinnen, wenn der Anrufer schließlich eine Viertelstunde vergeblich versucht hat, von Reinickendorf nach Tegel Verbindung zu bekommen, aus Mitleid den Anschluß über das Amt 1 Berlin herstellen.“
Kommen wir nun wieder zum Ortsporto zurück. Mehrfach war dies für die Tegeler Gemeindevertreter ein Tagesordnungspunkt ihrer Versammlungen. So im Juni 1906, nachdem die Postbehörde die Einbeziehung des Ortes in die Berliner Ortstaxe ablehnte. Das Gefängnis und die gesamte Bernauer Straße gehörten zum Ortsbereich, wie ja schon weiter oben berichtet, das Städtische Gaswerk hingegen nicht. Wer konnte das verstehen?

In der Gemeindevertretersitzung im Februar 1907 wurde bekannt, dass sich die Firma Borsig auf Veranlassung der Potsdamer Handelskammer bereiterklärt hatte, die Gemeinde Tegel bei der Bemühung zur Einführung der Ortstaxe zu unterstützen. Die Post hatte nach der letzten Tegeler Eingabe geantwortet, dass „auch nach nochmaliger Prüfung die Einführung nicht möglich sei“. Das Gefängnis, die Bernauer Straße und (nun immerhin auch!) die Berliner Gasanstalt seien „weit abliegende Ausbauten“. Dabei lagen doch die „Ausbauten“ näher an Tegel als an Reinickendorf. Eine neue Eingabe Tegels war vorgesehen mit dem Hinweis, dass Befürchtungen eines Umsatzrückganges nicht stichhaltig seien. Schließlich brachten ja jetzt schon fast alle Industriellen und die Gemeinde alle Briefe zum „Gefängnisbriefkasten“. Gemeindevertreter Borsig bat gar, in Zukunft den Empfang aller falsch frankierten Briefe abzulehnen, also kein Strafporto zu bezahlen.

Am 13.8.1907 waren die Tegeler Postkuriosa erneut ein Thema der Gemeindevertreterversammlung. Die Oberpostdirektion Berlin hatte eine Petition der Gemeinde Tegel abgelehnt, eine solche der Gemeindevertreter beim Staatssekretär war noch unbeantwortet. Doch auch sie ließ keinen Erfolg vermuten. Die Postbehörde wurde zu einer Lokalbesichtigung eingeladen.
Derweil war es weiter Tatsache, dass sich in Tegel die Briefboten der Postämter von Reinickendorf-West und Tegel auf ihren Wegen begegneten. Der aus Reinickendorf-West versorgte seinen oben genannten Bereich mit Post, wobei nun auch als besonderer Bestellbezirk die neuen Fabriken auf Borsigwalde-Wittenauer Gebiet gehörten. Jener aus Tegel hatte die Bewohner und Firmen des ganzen weiteren Tegel-Areals zu bedienen. Es kam aber auch vor, dass Briefe erst nach Tegel geschickt wurden, von dort aus über das Briefpostamt in Berlin (Königstraße) geleitet wurden und dann vom Postamt 39 nach Tegel (Bezirk Reinickendorf-West!) gelangten. Endlich, im Dezember 1910, meldeten dann verschiedene Zeitungen, dass zum 1.1. kommenden Jahres der Nachbarortsverkehr von Groß-Berlin voraussichtlich wieder eine Erweiterung erfahren würde.
So wurden u. a. die Vororte Tegel, Wittenau und Borsigwalde genannt. Briefe von Berlin dorthin und umgekehrt würden dann nur noch einem Porto von 5 Pfg. unterliegen. Tatsächlich wurde ab 1.1.1911 die Ortsbrieftaxe von Groß-Berlin u. a. auf die zuvor genannten Ortsteile ausgedehnt. Der „Gefängnisbriefkasten“ verlor damit seine Bedeutung. In der Auflistung der Tegeler Briefkästen (siehe oben) ist er nicht mit angegeben, weil er ja zum Postamt Reinickendorf-West gehörte.

Blicken wir nun noch in das Jahr 1913. Am 30.12. berichtete eine Zeitung über „Postalische Willkür. Ein Notschrei aus dem Norden“. Es betraf die Nachbarortstaxe und hier insbesondere Hermsdorf und Waidmannslust. Die Einwohner dieser Ortsteile ärgerten sich über Briefe, die mit einer blauen 15 oder 25 „verziert“ waren, der Briefträger also Nachporto erhob. Ein Brief bis zu 250 g kostete im Nachbarortsverkehr 5 Pfg. Porto. Doch die genannten Orte gehörten nicht zur Berliner Nachbarortsgemeinschaft, den baulichen Zusammenhang mit Berlin sah die Postbehörde nicht. Kurios war hingegen, dass Hermsdorf für ein Gespräch mit (nur) 10 Pfg. Kosten telefonisch zum Nachbarortsverkehr gezählt wurde, weil die Vermittlung durch das Amt in Tegel erfolgte.Die Kolonie „Freie Scholle“ gehörte kommunal zu Tegel, jedoch anfangs postalisch zu Waidmannslust. Als Tegel 1911 die Nachbarortstaxe bekam, bemühten sich die „Schollaner“ (erfolgreich) um eine postalische Einverleibung nach Tegel. Ein Brief bis 250 g nach Berlin konnte jetzt mit einer Briefmarke von nur 5 Pfg. frankiert werden. Ein Brief bis 20 g, in einen nur wenige hundert Meter entfernten Waidmannsluster Briefkasten eingeworfen, kostete 10 Pfg. Wog er 21 g, mussten gar 20 Pfg. bezahlt werden.

Als „schrankenlose Willkür“, so die Zeitung, beleuchtete sie zudem „einen besonders krassen Fall“. Damit war Tegelort gemeint. Einen baulichen Zusammenhang mit Tegel oder gar Berlin gab es hier ohne Zweifel nicht. Trotzdem galt hier die Nachbarortstaxe, „nur weil die Tegeler Briefträger zweimal täglich den Genuss haben, mit den Postsachen nach Tegelort und zurück zu pilgern.“
Soweit unser Rückblick in eine Zeit vor über 100 Jahren mit jenen postalischen Problemen, die die Einwohnerschaft von Tegel und Umgebung bewegten.

Zu diesem Mahnmal für Opfer des Faschismus, auf dem Namen von Tegeler Bürgern stehen, sucht Carolin Mueller von der AG Stolpersteine Reinickendorf nach Informationen und Erinnerungen (siehe Abbildung). Auf dem Mahnmal ist auch der Name Selma Kirschner aufgeführt. Mueller recherchiert derzeit über das Leben dieser Frau, die im Jahr 1941 mit nur 19 Jahren in Auschwitz ermordet worden ist. Die Kopie des Fotos stammt aus den Unterlagen von Selma Kirschners Tochter. Noch für dieses Jahr ist die Verlegung eines Stolpersteins für Selma Kirschner an ihrem letzten frei gewählten Wohnort in der Freien Scholle geplant.

Der Geschichtswerkstatt Tegel ist bereits die Lokalisierung des Mahnmals gelungen. Es stand ungefähr in der Mitte der Straße Alt-Tegel, wo sie auf die Berliner Straße trifft. Im Hintergrund des Fotos ist das ehemalige Kepa-Kaufhaus zu erkennen. Das Mahnmal listet unter den von den Nationalsozialisten umgebrachten Mitbürgerinnen und Mitbürgern auch Gerhart Lesser auf. Gerhart Lesser hatte sich mit seiner Frau Gerda Lesser zeitweise auf Reiswerder verstecken können, bevor beide mit den anderen drei auf Reiswerder Untergetauchten von der Gestapo festgenommen und in KZs verschleppt wurden.

Wir fragen: Wer erinnert sich an das Mahnmal? Wann wurde es abgerissen und warum? Wer weiß vielleicht mehr über die auf dem Mahnmal erwähnten Tegeler? Antworten bitte an: havelbruegge(et)posteo.de (für „et“ bitte @ einsetzen, Spam-Schutz).

Informationen über die Arbeit des Projekts Stolpersteine in Berlin: www.stolpersteine-berlin.de

Die Namen der Humboldt-Brüder, aber auch der Schießplatz waren im 19.Jahrhundert wohl Synonyme für das damals noch im Kreis Niederbarnim gelegene Dorf Tegel. Als ab 1848 die Zeitschrift Kladderadatsch herausgegeben wurde, griff diese auf humorvoll-satirische Weise gern mit unterschiedlichen Beiträgen das Thema Tegeler Schießplatz einschließlich des dort tätigen Militärs auf. Passagen aus diesen Blättern wie auch aus anderen Quellen mögen – in chronologischer Reihenfolge und in damaliger Schreibweise zusammengestellt – auch heute noch zu einem Schmunzeln über ein Tegel vergangener Zeiten anregen.

 

Der Sorglose

Lieblich ist´s , an Maientagen
Sich im Frei´n (es geht so selten!)
zu erquicken mit Behagen,
Ohne stark sich zu erkälten.
Heute, glaub´ ich, kann man´s wagen!
Auf! Hinaus mit Kind und Kegel!
Auf! Nach Treptow, Pankow, Tegel!
Laßt den Preußenadler ruhn –
Spargel gibt’s mit jungem Huhn! –
Andre Zeiten, andre Vögel!

(Mai 1867)

 

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Von der enormen Kostspieligkeit der neuen Wurfgeschosse kann man sich in ungebildeten Kreisen noch immer keinen rechten Begriff machen. Nach zuverlässigen Berechnungen reicht ein Schuss in Tegel hin, um Professor Kiepert[1] die erbetene Unterstützung zu einer Reise nach Egypten und Palästina gewähren zu können, wenn er nämlich nicht getan wird – der Schuss in Tegel.                                                                                                      (Nov. 1869)

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Schultze und Müller unterhalten sich über das Tegeler Wasserwerk.[2]

Schultze.       Ach Jotte doch! Ach Jotte doch! Es is schrecklich!

Müller.            Was jammerst du denn so, Schultze?

Schultze.       Nee, es ist zu doll! Zwanzig Millionen haben die
Brunnenanlagen in Tegel vor die Berliner Wasserleitung
gekostet, und nu soll des Wasser nischt toogen, und des janze Jeld – –

Müller.            Is ins Wasser jeworfen und in´n Brunnen jefallen?

Schultze.       Leider! So is es!

Müller.            Ja, was werden nu die Väter der Stadt alleweile machen?

Schultze.       Wer weeß? Ich denke mir, sie werden´s nu wol auf´s neue mit Pumpen versuchen.

Müller.            Ich jloobe ooch!

(Juni 1879)

 

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Rechenaufgabe für Artilleristen

Wenn bei einer Heeresstärke von 401368 Mann ein 16 Centner schweres Geschütz in Tegel gestohlen werden konnte: wie schwer muß ein Geschütz sein, um bei einer Vermehrung der Armee um 26000 Mann ausgeführt zu werden?

(Febr. 1880)

 

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Wir können Ihnen nur rathen, daß Sie ihre liebe Frau langsam an das Schießen zu gewöhnen suchen, indem sie in Etappen immer näher an den Artillerie-Übungsplatz in Tegel ziehen.

Für´s Erste hat es indessen keine Noth, denn Krieg führen ist theuer und die Herren da unten scheinen nicht in so glücklicher Lage, wie Sie, „daß sie es dazu haben!“

Die Redaction.

(Okt. 1885)

 

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Tegel. Hier fanden spielende Kinder kürzlich einen unheimlich aussehenden Gegenstand, der von den zu Rathe gezogenen Ortsbewohnern allgemein für eine fehlgegangene Granate angesehen wurde. Niemand wagte denselben zu berühren, endlich erkannten telegraphisch herbeigerufene Militärpersonen in demselben – eine blecherne Kuchenform, welche jedenfalls eine landpartiende Dame aus ihrer Tournüre verloren hat.

(Juli 1886)

 

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 Die Schutzmanns-Patrouille.

Berliner Schutzmann 1896

Wie ragt so hoch und stattlich
Das Brandenburger Thor!
Draus reitet ernst und würdig
Die Doppel-Patrouille hervor.

Vom Helm bis zu den Hufen
Kein Makel an Mann und Roß!
Scharf mustern beide Reiter
Der Promenirenden Troß.

Sie reiten in strammer Haltung
Die Siegessäule hinab;
Sie wenden die Rosse und kehren
Zurück in scharfem Trab.

Und wenn sie ihre Strecke
Mit Sorgfalt revidirt,
So reiten sie heim zur Wache
Und melden, daß nichts passirt.

Beraubt von Strolchen werden
Im selben Augenblick
Zwei Sommergäste bei Tegel
Und drei bei Köpenick.

(Febr. 1892)

 

***

Nach der „Tegeler Zeitung“ bewohnt im Hause Schlieperstraße Nr. .. der Arbeiter Gustav S. mit der unverehelichten Caroline K. eine und dieselbe Stube. Am 5. Sept. hat nun der Amtsvorsteher Weigert an die beiden ein Schreiben erlassen, in dem es heißt: „Ferner wird Ihnen hiermit das Aufliegen bei einander sowie das Zusammenwohnen in demselben Hause verboten.“ Der Ukas ist wirkungslos geblieben, wahrscheinlich weil die Adressaten nicht gewußt haben, was mit dem „Aufliegen bei einander“ gemeint ist. Sie haben deshalb ein Strafmandat über 30 M. event. 3 Tage Haft erhalten, und zugleich erklärt ihnen der Herr Amtsvorsteher: „Gleichzeitig verbiete ich hiermit nochmals das Zusammenwohnen und Aufliegen bei einander.“ Hoffentlich hat diese zweite Ermahnung den gewünschten Erfolg.

(Sept. 1904)

 

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In den „Wittenauer Nachrichten“ (Amtliches Publikationsorgan für den Amts- und Gemeindebezirk Berlin-Wittenau) lesen wir eine Bekanntmachung des Amtsvorstehers Stritte, Berlin-Tegel; sie beginnt mit folgenden Worten: „Fundsachen. Im Fundbüro sind als zugelaufen gemeldet: 1 Rehpintscher, 1 brauner Box-Hund, 1 Ziege, 1 Handtasche, 1 Maulkorb.“ Unglaublich, was in Berlin-Tegel so alles zuläuft. Oder hat die Ziege den Maulkorb und der Rehpintscher die Handtasche mitgeführt?

(Sept. 1918)

 

***

Der Vorort Tegel liegt an einem See. Der See hat notgedrungen ein Ufer. Für dieses Ufer glaubte man in Tegel ein Denkmal benötigen zu müssen und bestellte bei einem Bildhauer  eine Skulptur. Der Bildhauer dachte, ein „Seemärchen“ wäre ganz schön, aber er verstand unter Seemärchen ein riesiges dickes fettes Ungeheuer, das seinen schweren Leib auf den unbekleideten Körper einer Frau gelegt hat und diese gleichsam auszupressen scheint. Als die Tegeler dieses Ding an ihrem Ufer sahen, erhoben sie großes Geschrei und verlangten Beseitigung dieser Geschmacklosigkeit. Schließlich sei Tegel kein See-Märchen, sondern liege an einem Märchen-See. Daraufhin entschloß sich der Magistrat, den Bronzeklumpen abzumontieren und an einer „günstigeren“ Stelle aufbauen zu lassen. Wie man hört, will man auch den Namen ändern. Ich schlage für das fette Biest statt „Seemärchen“ „Drückende Schwüle“ vor.

(Juli 1927)

 

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Wenn ertönt der Schranken Bimmel,
Auto-, Rad- und Menschgewimmel
Hier in Tegel immer noch:
Drum legt bald die Strecke hoch.

(Dez. 1936)

 

Gerhard Völzmann

 


[1]H. Kiepert, Dr. phil., Professor, ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Lindenstraße 13

[2]Das Städt. Wasserwerk in der Bernauer Straße hatte anfangs Algenprobleme bei der Aufbereitung des Grundwassers

Im Herbst 1983 fanden sich etwa 25 Tegeler Einwohner und Einwohnerinnen unter dem Dach der Volkshochschule zusammen, um sich in Kursen dem Thema „Bürger erforschen ihren Ortsteil“ zu widmen. Nach vier Jahren präsentierten sie in einer Ausstellung sowie einem Ausstellungskatalog die Ergebnisse ihrer Recherchen zur Geschichte Tegels, während zeitgleich Berlin eine 750-Jahr-Feier beging. Ein Teilnehmer des „Ortsgeschichtlichen Arbeitskreises Tegel“ war Kurt Kersten. Er verfasste 1985 einen Artikel über die einstige Verkehrslage in Tegel, der hier nachfolgend ohne jegliche Änderungen zu lesen ist. Es wurde lediglich eine Abbildung hinzugefügt.

Fischers Restaurant „Lindengarten“ in der Berliner Straße

Seit alters her führte die Poststraße nach Neuruppin und Hamburg von Berlin aus am Dorf Tegel vorbei. Der damals „Neue Krug“, heute „Alter Fritz“, war genauso eine Ausspanne, wie wir sie zum Beispiel im Osthavelland in Ziegenkrug im Krämer fanden. Die Post benutzte die gleiche Ausfallstraße, wie wir sie eigentlich noch heute kennen. Von Berlin ging die Provinzialstraße durch die Scharnweberstraße, Seidelstraße, bis sie am Feldwebelhäuschen am Schießplatz Tegel, heute Flughafen Tegel, die Gemarkung Tegel erreichte.
Die Zeit der Postkutschen ist lange vorbei. Die Pferdebahn nach Tegel gehört der Vergangenheit an. Das Auto hat aber in den 1920er-Jahren die Pferdefuhrwerke noch nicht vollends verdrängt. Ich erinnere mich an die Situation damals, also vor 50 – 60 Jahren. Die Elektrische, wie damals die Straßenbahn genannt wurde, verbindet die Stadt Berlin mit der Vorstadt Tegel. Die Linien 25, 26, 27, 31, 41 und bis Tegelort bzw. Heiligensee 28 und 128 waren neben der S-Bahn für die Tegeler die Verbindung zur Stadt. Von dort bis zur Seestraße wurde in aller Regel die U-Bahn benutzt. Dann dauerte es noch etwa 20 Minuten, um mit der Straßenbahn die Gemarkung von Tegel zu erreichen. Hatte man erst Reinickendorf-West im Rücken, so sah man über die Siedlung Gartenfreunde hinweg die Silhouette des Gaswerkes mit den zwei riesigen Gasbehältern zur Rechten und links die strengen Bauten des Gefängnisses, von zwei Türmen der Gefängniskirche gekrönt. Für Schaffner mit echt Berliner Herz begann oft eine typische Ansage. „Heilanstalt aus hölzernen Löffel“ war identisch mit Gefängnis Tegel. Der nächste Halt wurde mit „Stinkfabrik“ als Gaswerk-typisch angekündigt. Zwei weitere Stationenund der Ausruf „Knochenmühle“ repräsentierte das Borsigwerk.
Nun nur noch zwei Stationen und die Bahnen nach Tegel hatten beim Restaurant „Rasum“, heute „Leiser-Haus“, ihre Endstation erreicht und quietschten in die Hauptstraße, heute Alt-Tegel, hinein. Die genannten Linien waren nicht nur die tägliche, lebenswichtige Verbindung der Tegeler mit der Reichshauptstadt, nein, sie waren auch zum Wochenende die hauptsächliche Verbindung vieler tausender Berliner, um in Tegel neue Kräfte für die oft harte Arbeitswoche zu tanken. In Tegel konnten die Familien Kaffee kochen.
Es ist noch früh am Morgen. Ich stehe an der südlichen Grenze der Gemarkung Tegel und wundere mich über die vielen „Heuwagen“, die in Richtung Berlin fahren. Bald erfahre ich, dass nicht Heu, sondern Kacheln der eigentliche Grund der Transporte sind. Nur 17 km von Tegel entfernt liegt Velten/Mark. Dieser Ort ist als die Heimat des Kachelofens in die Geschichte eingegangen. Von dort fahren die Leiterwagen in der Nacht nach Berlin los, um morgens ihre Fracht zu entladen und gleich anschließend gemächlich die Rückfahrt anzutreten. Jeder Kutscher, jedes Gespann hatte irgendwo eine Raststätte.
Ich erinnere mich, viele Fuhrwerke, die mittags am kleinen „Starkasten“, heute U-Bahnhof Holzhauser Straße, oder am „Lindengarten“, gegenüber Egellsstaße bei Fischer, heute Berliner Straße 65 Ecke Wittestraße, Halt machten. Eine Erfrischung für den Kutscher und einen Beutel Hafer für die lieben Pferde gaben die Kraft für die Heimfahrt. Die Pferde kannten ihren Halt und fanden ihren Weg. Oft übermannte die Müdigkeit die Kutscher und ließ sie selig schlummern. Die Pferde hielten vor ihrem Halt an und die Kutscher wachten auf.
Früh vor Geschäftsöffnung trabten vom Großmarkt aus Berlin kommend die Fleischer und Gemüsehändler, damals Grünkramhändler, mit leichten Kutschwagen Richtung Tegel.
Auf den Straßenbahnschienen konnten die Wagen glatt dahinrollen und kamen auf größere Geschwindigkeiten, als es sonst auf dem Kopfsteinpflaster möglich war. Zur selben Stunde rollten erst Pferdewagen, etwas später Elektroautos von Bolle nach Tegel. Frische Milch, Sahne etc. wurde von den „Bimmel-Bolle-Jungens“ ausgerufen. Der Bolle-Junge saß mit dem Kutscher bzw. Fahrer vorn auf dem Bock. Als Schuljungens versuchten wir die hinteren Plätze zu ergattern. Speziell am Mittag bei der Heimfahrt gelang es oft, bei Bolle mitzufahren. Erwähnt sei hier noch, dass die Regel eingehalten wurde, dass die Jungen mit dem weitesten Schulweg den Vorzug vor allen anderen genossen.
Pferdefuhrwerke aus dem Osthavelland, Vehlefanz, Marwitz und Kremmen erreichten Tegel von Norden her, um die Bewohner mit frischem Landbrot oder im Herbst auch mit Einkellerungskartoffeln zu versorgen. Zu all diesen vielen Wagen gesellten sich mehr und mehr Autos und Motorräder.
Erwähnenswert soll bei diesem Rückblick noch der jeweilige Himmelfahrtstag, Vatertag, betrachtet werden. Ganze Wagenkolonnen von Kremsern brachten die Väter zum Ziel ihrer Sehnsucht und abends zurück zum nicht immer fröhlichen Abschluss des Vatertages. Die öffentlichen Verkehrsmittel der BVG beförderten damals den Fahrgast von zum Beispiel „Alter Fritz“ bis zum Gaswerk oder von Tegel, Endstation, bis zum Eichborndamm für ganze 10 Pfennige.

Wer den Namen Borsig liest, der denkt sicher zunächst an den einstigen Lokomotivbau. In der Zeit um 1923 war das Werk für eine Jahresproduktion von 600 Lokomotiven in 42 Lokomotivständen eingerichtet. Zuvor wurde 1918 die 10000. und 1922 die 11000. Lokomotive fertiggestellt. Doch wir wollen uns hier weder mit der Lokomotivmontage noch mit den weiteren Borsig-Produkten beschäftigten, die von vollständigen Anlagen für die chemische Industrie bis zum Haushaltsstaubsauger reichten. Vielmehr wird hier über die Werkschule berichtet, die das Unternehmen bis zur Ausbombung des Gebäudes im Jahre 1943 unterhielt.

Die Volksschule und spätere Werkschule in der Schöneberger Straße 30 im Jahre 1911

Bekanntlich bestand vor rund 100 Jahren (wie ja auch heute noch) für Jugendliche unter 18 Jahren von der Schulentlassung an eine Pflicht zu einem Besuch einer von der Stadt Berlin oder der Handelskammer eingerichteten Berufsschule. Diese Schulpflicht dauerte normal sechs Schulhalbjahre. Sie ruhte jedoch, solange der Schulpflichtige eine von der Schulaufsichtsbehörde als Ersatz der Berufsschule anerkannte Schule besuchte. Ein solcher Ersatz waren in Berliner Werkschulen von Großbetrieben wie Siemens, AEG und Borsig. Siemens hatte zum Beispiel seit 1906 eine Werkschule, die Firma Borsig seit 1.4.1919. Während der erste Standort der Borsigschen Werkschule nicht bekannt ist, wurde sie (wohl 1923) in die Schöneberger Straße 30 verlegt. Während es eine Schöneberger Straße auf dem einstigen Borsiggelände längst nicht mehr gibt, trägt die damals durchgehende Straße heute die Namen Medebacher Weg und Sterkrader Straße. In der Schöneberger Straße 30 wurde bereits 1909 in einem neu erbauten Gebäude eine Volksschule eingerichtet, zuletzt war hier bis 1923 mit 12 Klassen das Lyzeum Tegel beheimatet.
In der Folgezeit diente der Gebäudekomplex der Firma Borsig für die Ausbildung von Lehrlingen, Praktikanten und Gehilfen als Werkschule. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass Gewerbebetriebe mit eigener staatlich anerkannter Werkschule für ihre jugendlichen Arbeiter grundsätzlich Schulbeiträge zu entrichten hatten, wenn die Zahl der die Werkschule besuchenden Jugendlichen unter 10 % der beschäftigten Arbeiter betrug. Bei Borsig waren um 1923 etwa 5500 Arbeiter und 1300 „Beamte“ beschäftigt, mithin mussten bei zusammen 450 Schülern (die ja nicht alle unter 18 Jahre alt waren) Schulbeiträge entrichtet werden. Auf weitere Einzelheiten hierzu wird verzichtet.

Borsigs Werkschule hatte anfangs 5 hauptamtliche und 16 nebenamtliche Lehrkräfte beschäftigt. Vorhanden waren 4 Klassenräume, 1 Physikklasse mit Lehrmittelraum, 1 Vortragssaal mit Kino, Epidiaskop und Projektionsapparat, 1 Raum für Eignungsprüfungen, 2 Büroräume, 2 Lehrmittelzimmer, 1 Lehrerzimmer und 1 Turnhalle.

Ein Schuljahr umfasste 40 Unterrichtswochen, in jeder Woche wurden 11 – 12 Stunden Unterricht erteilt. Eine Klasse bestand aus 20 – 30 Schülern. Der Unterricht orientierte sich stark an der praktischen Tätigkeit. Bürgerkunde, Deutsch, Fachkunde, Naturlehre, gewerbliches Rechnen, Mathematik, Fachzeichnen und Turnen waren die Unterrichtsfächer, die sich zusammen dem Lehrplan der Berufsschulen anpassten. Einzig Arbeitsburschen hatten weder Fachkunde noch Naturlehre, Mathematik und Fachzeichnen. Dem Turnen wurde in der Werkschule im Vergleich zur Berufsschule offensichtlich ein höherer Stellenwert eingeräumt, wie wir nachfolgend noch sehen werden.

Die Werkschule besaß eine ausgezeichnete Lehrmittelsammlung, zahlreiche Maschinenteile und Werkzeuge für das Fachzeichnen, je eine mathematische und technologische Sammlung, Karten für den Bürger- und fachkundlichen Unterricht sowie eine Sammlung von Prüfapparaten. Die Lehrlingsausbildung endete natürlich mit einer schriftlichen und mündlichen Prüfung. Wiesen Lehrlinge irgendwelche Lücken auf, so konnten sie diese nach Schluss der Lehrzeit in der Schule ausfüllen. War hingegen ein Lehrling besonders tüchtig, dann ermöglichte ihm ein Fond den Besuch einer höheren Fachschule.

Lehrlinge bei Borsig im Jahre 1924

Kommen wir nun zum bereits erwähnten Turnunterricht. Für Berufsschulen regelte 1925 ein Ortsgesetz, dass „in mindestens 1 Stunde wöchentlich die körperliche Ausbildung – Turnen, Wandern, Schwimmen, Rudern, Gartenbau usw. – gepflegt wird.“

„Aus der Erkenntnis heraus, daß zur Ausübung eines praktischen Berufes ein Mensch erforderlich ist, der gesundheitlich vollkommen auf der Höhe ist, um sein fachliches Können voll zur Auswirkung zu bringen, hat die Werksleitung der Firma A. Borsig neben der beruflichen Ausbildung ihrer Lehrlinge seit vielen Jahren ihre ganz besondere Aufmerksamkeit auf die körperliche Ertüchtigung gerichtet.“ So der einleitende Satz des Artikels „Leibesübungen in der Werkschule A. Borsig, Berlin-Tegel“ in einem Buch aus dem Jahre 1927. Hieraus sind auch die weiter folgenden Informationen entnommen.

Ein hauptamtlich angestellter Turn- und Sportlehrer erteilte wöchentlich zwei Pflichtturnstunden. Eine Befreiung konnte nur durch ein ärztliches Attest erfolgen. Für den Turn- und Sportbetrieb gab es auf dem Schulgrundstück eine Turnhalle mit vorbildlicher Ausstattung und im Schulgebäude selbst einen Gymnastik- und Boxraum mit modernsten Geräten. Auf dem Schulhof boten sich kleinere Spiele an und auf einem dem Werk gegenüberliegenden Spielplatz Rasenspiele. Ein städtischer, neu angelegter Sportplatz stand für Leichtathletik zur Verfügung. Der nahe Tegeler See ließ einen geordneten Schwimmbetrieb zu. Der Wald lockte im Herbst zum Waldlauf und im Winter zum Rodeln, wobei natürlich Schlitten vorhanden waren. Im Erdgeschoss der Schule, durch einen gedeckten Gang von der Turnhalle erreichbar, lag das Schülerbad. 30 Duschen lieferten warmes und kaltes Wasser. Die Duschen mussten am Ende jeder Turnstunde benutzt werden.
Schon zu Beginn der Lehre wurden von jedem Lehrling Größe und Gewicht ermittelt, um dann in regelmäßigen Abständen die körperliche Entwicklung zu verfolgen. Jede Turnstunde begann mit einem Turnerlied, anfangs einem Liederbuch entnommen, bis der Text auswendig bekannt war. Es folgten Haltungs- und Atmungsübungen als Freiübungen oder aber Übungen am Gerät. Zu jeder Stunde gehörte zudem ein fröhliches Spiel. Das abschließende Duschen wurde bereits erwähnt.

Von Anfang Mai bis Mitte Juli standen leichtathletische Übungen im Vordergrund, so insbesondere der Lauf mit langsamer Steigerung, aber auch Wurf- und Sprungübungen. „Kampf dem nassen Tod!“ war ein Motto der Schule, jeder musste Schwimmen lernen. Lag der Anteil der Schwimmer 1924 bei 59,6 %, so erhöhte er sich 1925 bereits auf 83,75 %. Wurden im Sommer Faust- und Schlagballspiele bevorzugt, so wurden im Herbst ruhige Waldläufe sowie Hand- und Fußballspiele bevorzugt. Jeder Junge wurde dabei auch mal zum Amt des Schiedsrichters herangezogen. Damit wurden objektive Urteile geweckt. Fiel der erste Schnee, ging es mit den Rodelschlitten in den Tegeler Wald. Der Apolloberg in Schulzendorf lockte mit seiner Höhe von 65 m zu „sausenden Fahrten“.

Bei ungünstiger Witterung gehörten zum Hallenturnen Gymnastik, Seilspringen, Geräteturnen, Ringen usw. Beliebt waren auch Schwimmabende im Hallenbad. Damit noch nicht genug. Mit Wettspielen der verschiedensten Ballspielarten wurden die Kräfte der Jungen untereinander gemessen. Bei allgemeinen Wettkämpfen erzielten die Borsigschen Werkschüler eine große Anzahl an ersten und zweiten Preisen. So nahmen sie zum Beispiel am 29.6.1927 im Plötzensee an einem Schwimmfest für die Werkschüler der Berliner Großindustrie sowie am 26.1.1930 an Schwimmwettkämpfen im Stadtbad Wedding, Gerichtsstraße, teil. Veranstalter war hier der Lehrlingssportverband Groß-Berlin, die Turn- und Sportgemeinschaft der Berliner Werkschulen.
Im Turnbetrieb in der Werkschule durfte der Turnboden nur in kurzer Turnhose, Hemd und Turnschuhen betreten werden. Die Kleidungsstücke beschaffte die Firma Borsig und gab sie dann zum Selbstkostenpreis ab. In kleinen Beträgen wurde die Gesamtsumme später wöchentlich vom Lohn einbehalten. Die Schüler trugen bei Wettkämpfen gern die mit besonderem Abzeichen und den Anfangsbuchstaben der Schule versehenen Kleidungsstücke. Alle Schüler waren übrigens bei einer privaten Gesellschaft gegen Unfälle bei Ausübung des Sports versichert.
Als Folge des Turnunterrichts waren die Werkschüler bestrebt, im Laufe der Lehrzeit das damalige Reichsjugendabzeichen zu erwerben. Jugendliche, die über 18 Jahre alt waren, konnten sich auch für die Prüfung zum Deutschen Turn- und Sportabzeichen vorbereiten. Blicken wir abschließend noch in das Jahr 1938. Die Werkberufsschule Rheinmetall Borsig, wie sie nun hieß, hatte 22 Klassen mit 560 Schülern und eine Handelsschule 2 Klassen mit 42 Schülern. Gewerbeoberlehrer Reich leitete die Schule. Die Namen von Rinno und Rabe sind als weitere Gewerbeoberlehrer und der von Groß als Handelsoberlehrer überliefert.

Die Schule wurde, wie eingangs erwähnt, 1943 durch Bombentreffer zerstört. Nach dem Krieg wurde eine neue Werkschule nicht mehr gegründet.

Nennen wir ihn Walter Lehmann, jenen Polizisten, aus dessen Leben dieser Rückblick berichtet. Der Mann wohnte mit seiner Familie viele Jahre in Tegel und arbeitete hier auch, bis er später in anderen Ortsteilen von Reinickendorf tätig war. Sein Leben währte von der Kaiserzeit der 1890er Jahren bis in die 1950er Nachkriegsjahre. Es war eine ereignisreiche Zeitspanne. Erinnert sei nur an die beiden Weltkriege, die Inflation, Hitlers Machtergreifung, den Zusammenbruch des Staates, die Viermächteteilung Berlins und die Blockade West-Berlins.
Im Jahre 1893 hatte Berlin 1.692.172 Einwohner, wobei in dieser Zahl 23.484 Personen enthalten waren, die dem Militär angehörten. In demselben Jahr wurden 25.352 Jungen und 24.371 Mädchen, mithin täglich etwa 140 Babys geboren. Zwei Jahre später erblickte irgendwo im Häusermeer der Kaiserstadt Berlin auch der kleine Walter Lehmann das Licht der Welt. Vom 6. – 14. Lebensjahr besuchte das Kind eine Volksschule, um dann 1909 aus der I. Klasse, wie damals noch üblich, entlassen zu werden. Es folgte bis 1912 eine Lehre in Eberswalde, die Lehmann mit Erfolg als Handlungsgehilfe in einem Kolonialwaren- und Delikatessengeschäft abschloss. Im genannten Ort wie auch in Angermünde arbeitete Lehmann dann bis 1914 im erlernten Beruf.

Noch vor Ausbruch des 1. Weltkrieges (2.8.1914) meldete sich Lehmann beim Militär zu einem freiwilligen Eintritt. Hierfür benötigte er eine Erlaubnis des Zivilvorsitzenden der Ersatz-Kommission des Aushebungsbezirks Angermünde, die ihm am 11.5.1914 für einen freiwilligen Diensteintritt für 2 – 4 Jahre erteilt wurde. Vom September 1914 bis Dezember 1918 diente er bei der Matrosenartillerie in Kiel und beim Marinekorps in Flandern. Vom 1.3. – 8.5.1919 gehörte Lehmann kurze Zeit der Streifabteilung der Brigade Reinhard an, um dann am 6.6.1919 als Unterwachtmeister zur neu gegründeten Sicherheitswehr zu wechseln. Aus dieser entstand die Sicherheitspolizei, deren Angehörige grüne Uniformen trugen. Der Sicherheitspolizei folgte in Berlin die Schutzpolizei. Lehmann wurde am 1.9.1920 zum Wachtmeister beförderte. Er verrichtete seinen Dienst bei der 1. Hundertschaft der Polizei-Abteilung Tegel. Durch Bestallungs-Urkunde v. 20.6.1921 erfolgte eine Ernennung zum etatmäßigen Polizei-Wachtmeister der Schutzpolizei in Berlin, nachdem Lehmann seine Befähigung nachgewiesen und Proben seiner „Geeignetheit“ abgelegt hatte. Am 1.4.1923 erfolgte eine Beförderung zum etatmäßigen Polizei-Oberwachtmeister.
Im Oktober und November 1923 besuchte der Oberwachtmeister einen abgekürzten Beförderungslehrgang, den er mit dem Gesamturteil „gut“ abschloss. Dabei wurde er sogar von der mündlichen Prüfung befreit.
Vom Mai 1924 – März 1926 besuchte Oberwachtmeister Lehmann beim Kommando der staatlichen Schutzpolizei in Berlin einen Unterrichtskurs für Zivildienst-Anwärter, dessen Prüfung er bestand.
Während dieser Zeit heiratete Lehmann im Jahre 1925. Seine Frau Anna kam aus Schlesien. Das Ehepaar wohnte in Neu-Heiligensee. 1927 stellte sich Nachwuchs ein.
Am 1.4.1928 wurde Walter Lehmann erneut befördert. Nun war er Hauptwachtmeister und unkündbar angestellt. Interessant sind auch Angaben über das Diensteinkommen. So hatte der Polizist bis 31.3.1928 ein ruhegehaltsfähiges Diensteinkommen von jährlich 2946 RM. Hiervon hätten ihm ab 1.4.1928 im Falle einer Entlassung im 1. Jahr 6/8 als Übergangsgebührnisse, im 2. Jahr 5/8 und im 3. Jahr 4/8 zugestanden. Doch diese Beträge ruhten natürlich, weil er ja weiter beschäftigt wurde.
Zu Beginn der 1930er Jahre zog die Familie Lehmann von Neu-Heiligensee nach Neu-Tegel. Hier hatte zu dieser Zeit die „Roland“, Gemeinnützige Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft, in einem ganzen Komplex Wohnbauten errichtet. Vermutlich war für die Familie nun ein Lebensabschnitt erreicht, mit dem sie zufrieden war. Während seiner Zugehörigkeit zur Schutzpolizei war Walter Lehmann bis 1925 im Revier-Einzeldienst und seitdem im Revier-Abschnitts- und Kommandobürodienst tätig. Am 20.4.1941 erfolgte eine Beförderung zum Meister. Zwischenzeitlich hatte bekanntlich am 1.9.1939 der zweite Weltkrieg begonnen. Lehmann arbeitete nun in der Abteilung Luftschutz. Ab 21.6.1944 war er Revierleutnant. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Lehmann zu keinem Zeitpunkt Mitglied der NSDAP oder einer ihrer zahlreichen Gliederungen war.
Für den 1945 fast 50-jährigen Walter Lehmann war es besonders tragisch, dass er als Angehöriger der Schutzpolizei noch kurz vor der Kapitulation des Deutschen Reiches, die am 8.5.1945 erfolgte, ab 20.4.1945 unter dem Oberbefehl der Wehrmacht zur Verteidigung Berlins eingesetzt wurde. Der Verband, dem Lehmann angehörte, wurde versprengt. Im Bereich Schiffbauerdamm und Friedrich-Karl-Ufer (Lessing-Theater) sollte die Weidendammer Brücke verteidigt werden. Hier geriet der Polizist am 2.5.1945 in sowjetische Gefangenschaft. Ab 2.10.1945 war er in einem Lager in Posen, es folgte dann ein Lageraufenthalt in Estland. Die Kriegsgefangenschaft währte über vier Jahre.
Während dieser Zeit hatte Lehmanns Ehefrau Anna kein Einkommen. Nur durch Verkauf von Möbelstücken, Bekleidung und Hausrat bestritt sie ihren Lebensunterhalt. Vielleicht war auch ein kleiner Garten vorhanden, denn am 11.9.1949 schrieb Walter Lehmann in einem Brief aus der Kriegsgefangenschaft u. a.: Die Erdbeeren kannst Du ja einwecken. Eine Handvoll lohnt sich ja schon. Kurze Zeit nach Absendung der Kriegsgefangenenpost wurde Lehmann am 30.9.1949 entlassen und traf am 5.10. abgemagert und krank in Berlin ein.
Lehmann wollte nach der Rückkehr wieder bei der Schutz- oder Verwaltungspolizei arbeiten. Doch zunächst wurde er nicht eingestellt. Vielmehr musste er sich arbeitslos melden und Arbeitslosenunterstützung bzw. -fürsorge beantragen. Erst später, ab 1.12.1950, wurde er wieder bei der Polizei eingestellt, und zwar im Angestelltenverhältnis bei der Wachpolizei des Französischen Sektors von Berlin. Vorerst galt eine Probezeit von 3 Monaten und eine Verlängerung im Falle der Bewährung. Lehmann war verpflichtet, in einem der westlichen Sektoren Berlins zu wohnen und seinen gesamten Haushalt dort zu führen. Die Ehefrau und Kinder durften nicht im sowjetisch besetzten Sektor Berlins oder in der sowjetisch besetzten Zone wohnhaft sein. Doch die Familie Lehmann wohnte ja ohnehin weiter in Neu-Tegel. Das Netto-Einkommen betrug zu dieser Zeit 236 DM. Davon mussten fast ein Drittel für Miete, Strom und Gas sowie fast die Hälfte für Lebensmittel ausgegeben werden. Da verwundert es nicht, dass größere unvorhergesehene Ausgaben für finanzielle Probleme sorgten. Gerade bei Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft waren das oft Zahnbehandlungskosten, weil während der Internierung keine angemessene Versorgung erfolgte.
Lehmann schied am 30.11.1952 aus dem Dienst der Wachpolizei aus, weil er von der Schutzpolizei übernommen wurde. (Schwarze) Uniformstücke, Dienstausweis und den Polizei-Fahrtausweis musste er zurückgeben. Interessant ist auch, dass damals im behelfsmäßigen Personalausweis der Bewohners West-Berlins noch eine Berufsangabe stand. Lehmann wurde daher beim Ausscheiden als Wachpolizist aufgefordert, die Berufsangabe auf seinem Wohnrevier berichtigen zu lassen.
Ab 1.12.1952 galt für Walter Lehmann das Landesbeamtengesetz vom gleichen Jahr. Nach Artikel 131 des Grundgesetzes hatte er einen Anspruch, wieder nach seinem Rechtsstand vom 8.5.1945 beschäftigt zu werden. Lehmann wurde dadurch Polizei-Obermeister.
Ende gut, alles gut? So könnte man meinen, denn Lehmann hatte ja nun beruflich das erreicht, was er 1945 durch den unseligen Krieg aufgeben musste. Doch es kam anders. Die in der Kriegsgefangenschaft aufgetretene Krankheit nahm so zu, dass seine Polizeidienst-Untauglichkeit festgestellt wurde. Lehmann wurde mit Ablauf des 30.6.1953 aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzt. Als Ruhegehalt standen ihm 75 % der ruhegehaltsfähigen Dienstbezüge zu. Monatlich waren das rund 380 DM, die versteuert werden mussten. Zudem musste Lehmann bei der damaligen Krankenversicherungsanstalt Berlin (KVAB) eine freiwillige Mitgliedschaft beantragen.
Der Polizei-Obermeister im Ruhestand verstarb 1957 im Alter von 62 Jahren. Wann die Witwe Anna Lehmann starb, ist nicht bekannt.
Abschließend noch eine willkürlich erstellte Tabelle mit Preisen aus den 1950er Jahren:

Die genannten Preise werden aussagekräftiger, wenn man bedenkt, dass das Netto-Einkommen von Walter Lehmann zu Beginn der 1950er Jahre bei 236 DM lag. Von der Vergütung im Ruhestand (380 DM brutto) bestritt dann das Ehepaar seinen Lebensunterhalt.

Gerhard Völzmann

Es gibt sie noch, die Krippenspiele, die während der Gottesdienste am Heiligen Abend aufgeführt werden. Gerade Kindern wird hier die Weihnachtsgeschichte, die bekanntlich von der Geburt Jesu handelt, gut veranschaulicht. Vielleicht erinnern Sie sich ja noch an den Heiligen Abend des Vorjahres, als in der Kirche gleich der erste Gottesdienst mit einem Krippenspiel zum Mitmachen begann. Von den Krippenspielen unterscheiden sich übrigens Weihnachtsspiele dadurch, dass hier weitere biblische Szenen gezeigt werden. Weihnachtsspiele haben eine lange Tradition. So wurden geistliche Schauspiele bereits im Mittelalter zur Weihnachtszeit in ganz Deutschland veranstaltet. Doch im Laufe der Zeit arteten sie aus. Besonders für die Jugend wurden die Spiele Anlass und Vorwand für unnütze Streiche, die mit der kirchlichen Umgebung, in der sie dann stattfanden, im schlimmen Widerspruch standen. Auch in Berlin war das so. Als Folge wurde 1574 eine Verordnung erlassen, nach der der Rat der Stadt angewiesen wurde

die bösen Buben, so in der Christnacht in den Kirchen
alle Büberey verüben, durch die Stadt-Diener herausjagen
oder in die Thürme setzen zu lassen, damit
Zucht in den Kirchen zu erhalten und die Gottfürchtigen
an ihre christlichen Gebete nicht mögen gehindert
noch geärgert werden.

Weihnachtsspiele wurden auch am kurfürstlichen Hof aufgeführt. Junge Prinzen und Prinzessinnen des kurfürstlichen Hauses boten zusammen mit Kindern adliger Familien des Landes 1589 eine „kurze Comedie von der Geburt des Herrn Christi“ dar, die der Musikus Georg Pondo verfasst hatte. Aus dem Jahre 1611 ist überliefert, dass von den Söhnen und Töchtern der kurfürstlichen Familie zu Weihnachten ein „Kinder-Katechismus“ aufgeführt wurde. Er hatte in Fragen und Antworten die Geburt Christi nach der Lehre der Heiligen Schrift zum Gegenstand.

Doch dann nahmen wieder Mummenschanz und Narrenpossen zum Christfest so überhand, dass der Große Kurfürst dem Treiben am 17.12.1686 mit einem nachdrücklichen Verbot belegte. Es hieß hierin:

Nachdem viele Prediger und andere vielfältig geklagt,
daß gegen die Weihnachts-Feste mit dem sogenannten
heiligen Christ viel sehr ärgerliche Dinge vorkommen,
sogar Comedien und Possenspiele dabei gemacht
und getrieben werden: Se. Churfl . Durchl. Unser
gnädigster Herr aber solche Aergernis durchaus
abgeschaffet wissen wollen. Als befehlen Namens
Deroselben Wir Euch solche Aergernis gäntzlich abzuschaffen,
und darüber ernstlich zu halten.

Die Wirkung dieser Worte hielt aber wohl nicht lange an, denn schon am 18.12.1711 mahnte König Friedrich I. in Preußen die Berliner zu weihnachtlichem Ernst mit folgenden Zeilen:

Weil mit denen Lichter-Cronen
auf den Christabend viel Gaukeley
Kinderspiel und Tumult
getrieben wird: als befehlen wir
Euch hiermit nicht allein solche
Christ- und Lichterkronen gäntzlich
abzuschaffen. Sondern
auch die Christ-Messen nicht des Abends, sondern
des Nachmittags um 8 Uhr zu halten.

Den Übermut der Berliner konnte aber auch diese Verordnung auf Dauer nicht zügeln. So wundert es nicht, dass vor dem Weihnachtsfest von 1739 König Friedrich Wilhelm I. noch am 23.12. ein Edikt erließ, nach dem die „Christabend-Ahlefanzereien“ 1, besonders das öffentliche Tragen von Masken und die Verkleidung als Knecht Ruprecht und Engel Gabriel auf das strengste untersagt wurde.

Aus den geistlichen Schauspielen mit ihrem Ursprung im Mittelalter entwickelte sich im gewissen Sinne das Theater, das wir heute kennen. Weltliche Schauspiele entstanden. Damit gerieten auch die Berliner Weihnachtsspiele in Vergessenheit. Teils kamen als Weihnachtsspiele in den Theatern Berlins zu Beginn des 20. Jahrhunderts dramatisierte Märchen für die Kinderwelt zur Aufführung.

Gerhard Völzmann